Eine Frankfurter Posse

Zuweilen gehört zum journalisitischen Handwerk auch die Kunst des Erfindens von Zusammenhängen, welche jedoch auch durch stilistisches Können und beharrliches Wiederholen nicht richtiger werden.

Im Grunde genommen spricht es nur für die FAZ, dass einer ihrer Redakteure anscheinend den Anspruch an sich stellt, in einem neunzeiligen Absatz den konfliktgeladenen Charakter der von kultureller Diversität geprägten israelischen Gesellschaft darzustellen und dies auch noch mit einer Darstellung religionsgesetzlicher Aspekte des Judentums verknüpft, wobei eine Kurzfassung der israelischen Gründungsgeschichte den inhaltlichen Rahmen bildet, der vor allem ein Kernanliegen von Wolfgang Günter Lerch zum Ausdruck bringen soll: Es geht um das Wesen des jüdischen Staates, eines demokratischen Staates.

Bedenklich ist nur, dass Rahmen, Motiv und Farbgebung nicht recht miteinander harmonieren und Herr Lerch Zusammenhänge konstruiert, die nicht vorhanden sind und von gefährlichem Halbwissen zeugen. Weiterlesen »

Was ist da los im Bus?

Die Minderheit einer Minderheit, welche wiederum selbst nur Teil einer anderen Minderheit ist, versetzt seit einigen Tagen die Medienlandschaft in helle Aufregung und es scheint keine deutsche Tageszeitung zu geben, die dieser Tage noch kein Bilder schwarz gekleideter Juden mit Schläfenlocken abgelichtet hätte.
Mit Überschriften wie bspw. „Zustände wie in Teheran“(Berliner Zeitung, 3.Januar) wird über Massendemonstrationen und religiöse Fanatiker, die eine Verdrängung der Frau aus dem öffentlichen Leben betreiben, berichtet. Natürlich muss man diese Personen mit Broders „Die Irren von Zion“ betiteln, doch darf eine reflektierte und wahrheitsgemäße Berichterstattung nicht vernachlässigt werden.
Keineswegs stet die israelische Gesellschaft vor dem Zerfall und an ein jüdisches Teheran ist bei weitem nicht zu denken.
An dieser Stelle nun ein Versuch der Rekonstruktion dessen, woran sich die israelische Gesellschaft reibt und was zu einer Bilder- und Artikelflut in deutschsprachigen Medien geführt hat. Weiterlesen »

Engagement für wen?

Mehrfach forderte Dieter Graumann während des diesjährigen Jugendkongresses in Weimar mehr Engagement junger jüdischer Gemeindemitglieder für Israel.
Als Wunsch wollte er diesen Aufruf verstanden wissen, doch traten während einer offenen Debatte im Rahmen der Zentralratstagung doch recht große Spannungsfelder zwischen den Generationen zu Tage, die deutlich machten, dass hinter Graumanns geäußertem Wunsch viel mehr ein (verzweifelter) Appell steckte. Insbesondere die Teilnehmer des Jugendkongresses suchten nach einer Möglichkeit der Diskussion darüber, wie sich moderne jüdische Identität in Deutschland definieren lasse. Es trafen zwei Generationen aufeinander, die ihr Judentum in unterschiedlichen Kontexen erleben und definieren dürfen bzw. durften. Weiterlesen »

Achtung: In Israel gibt es Judentum!

Langsam scheinen die deutschen Medien einem Problem gewahr zu werden, welches für die meisten Israelis und auch für manch einen Diaspora-Juden von erheblicherem Ausmaße ist als die Never-Ending-Story mit den Palästinensern. Nicht nur, weil es den israelischen Alltag direkt betrifft, sondern auch - und das lässt sich aus Diasporaperspektive sagen - weil es beständig die Frage nach der Essenz des israelischen Staates aufwirft. Ein jüdischer Staat oder ein Staat für Juden? Soll der Staat jüdisch sein? Und welche Rolle kommt mir als Jude in der Diaspora bei diesem Richtungskampf zu? Engagiere ich micht bedingungslos für Israel, ein Israel jeglicher Farcon, oder doch nur unter Vorbehalt?
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Buch: Abraham war Optimist

Publikationen, die sich einem lebendigem Judentum und moderner jüdischer Identität widmen, sind eher rar gesät. Die Romantik einer unwiderruflich verschollenen Welt lockt eher und kann ohne großartige Reflexion der Probleme und Gegebeneiten der Gegenwart sorglos aufgesogen werden.
Dass es aber auch anders geht, beweist das im Dezember erschienene Buch „Abraham war Optimist“, welches unter anderem Texte des Autors dieses Blogs enthält.

Die Fotografin Manuela Koska legt mit dem Buch einen eindrucksvollen Bildband über die jüdische Gegenwart Mecklenburg-Vorpommerns ab, der durch die beigefügten Texte jedoch mehr als nur diesen kleinen Ausschnitt jüdischen Lebens darstellt, sondern darüber hinaus große Frage aufgreift, bspw. wie es im heutigen Deutschland auch angesichts der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion um die zu erhaltene jüdische Identität bestellt ist.
Diese Fragen werden nicht sachlich oder gar kühl analysiert, sondern lösen sich durch den Einblick in die persönlichen Lebenswelten verschiedener Gemeindemitglieder auf und werden umrahmt von der Weisheit eines Rabbiners, der frohen Herzens darüber spricht, welch persönliche Bereicherung er aus dem Judentum schöpfen kann.

„Abraham war Optimist: Rabbiner William Wolff und seine Gemeinde“ – ein unbedingter Kaufbefehl!

Was taugt die Leitkultur?

Nicht nur der zur Reflexion unbequeme Durchschnitt der Gesellschaft meint auf Grundlage fragwürdiger Publikationen, die Gefahr aus dem Morgenland erkannt zu haben, sondern auch in deutschen Hörsälen fabulieren Professoren offen über die Kompatibilität verschiedener Kulturen und sehen das christliche Abendland am Rande des islamischen Abgrundes, den man nur mit einer überzeugenden und schlagfertigen Leitkultur überbrücken könne.
Denn schließlich seien es ja stets die Gäste, die sich dem großzügigen Gastgeber anzupassen haben, welcher doch immerhin so großzügig sei, das Geschenk der modernen Zivilisation mit anderen Kulturen zu teilen. Kurzum: Her mit der deutschen Leitkultur! Weiterlesen »

Europäische Phobien und eine christlich-jüdische Leitkultur

Neuerdings wird es wieder in Regelmäßigkeit beschworen, das christlich-jüdische Abendland, das europäische Wertegefüge. Anlass ist eine mehr oder weniger künstlich erzeugte Integrationsdebatte über die europäischen Muslime, die, so suggeriert es zumindest das Konstrukt „christlich-jüdisch“, wohl kein Teil des europäischen Wertegefüges, wenn nicht gar der europäischen Kultur sein können.
Dass die Europäer bei der Debatte, um ihr Erbe und ihre Identität zu fürchten neigen, ist nicht unüblich; ist es doch ein natürlicher Reflex, sich und seine Werte zu verteidigen, wenn man sie in irgendeiner Form bedroht sieht. Im Falle Europas jedoch ist es wichtig die Tatsache festzuhalten, dass eine solche zu verteidigende Identität allein durch die Bedrohungslage existiert, sie nur dann formuliert wird, wenn externe Einflüsse scheinbar Überhand zu gewinnen drohen.
Seit jeher war Europa ein Kontinent der Vielfalt. Nicht wegen eines überragenden Maßes an gegenseitiger Toleranz, sondern als ein Produkt des Rückzugs auf die eigene Nation. Ein homogenes Europa hat es nie gegeben, und ein gemein-europäisches Bindeglied auszumachen, ist äußerst schwierig. Ist es ein gemeinsames religiöses Erbe? Diesen Punkt kann man spätestens seit der Reformation hinterfragen, von der Diskrepanz zwischen westlicher und östlicher Kirche gar nicht zu sprechen. Und möchte man beispielsweise das Latein zu einem kulturellen Bindeglied erheben, muss man sich im selben Atemzug auch fragen, inwiefern das heute noch von Bedeutung ist. Denn wer in Europa ist noch des Lateinischen mächtig?
Europa hat sich immer dann als Einheit begriffen, wenn eine externe Bedrohung drohte, sei es territorialer oder kultureller Art. Als die Türken vor Wien standen, wurde der europäische Kampf beschworen und während der Kreuzzüge kämpften Ritter aus verschiedenen Ländern Seit an Seit gegen die Ungläubigen. Europa war vor allem immer stark darin zu betonen, was es auf keinen Fall ist – Eigendefinition durch Fremdmarkierung.
Heute scheint der Muslim nicht nach Europa zu passen, doch als Intoleranz oder Mangel an Offenheit möchte man dies nicht vermerkt sehen, so dass man explizit eine noch viel kleinere Minderheit in das Wertekonstrukt mit einbezieht: die Juden.
Nun ist die Proklamation eines solchen Erbes gemessen an historischen Erfahrungen nicht haltbar. Nie hat es in Europa eine fruchtbare christlich-jüdische Symbiose gegeben. Die Schaffenskraft der jüdisch-aschkenasischen Geisteswelt entfaltete sich im Ghetto, in Abgrenzung von der gleichgültig bis feindlich gesinnten Mehrheitsgesellschaft, ohne irgendeinen Einfluss von ihr aufgesogen zu haben. Ebenso unsinnig erscheint die romantische Erinnerung an die deutsch-jüdische Tradition vor 1933, an die deutsch-jüdische Normalität nach der man sich sehnt. Denn auch eine solche Symbiose hat es in Wahrheit nie gegeben. Der Zustand, an den man sich so gern erinnert, konnte nur auf Kosten der jüdischen Kultur erzeugt werden. Der Preis der sozialen Akzeptanz der deutschen Juden war die Assimilation, welche seitens der Mehrheitsgesellschaft immer eine Absage an den Pluralismus und seitens der Minderheit eine soziokulturelle Kapitulation darstellt. Jüdisch war in dieser Symbiose nichts, bis auf die Herkunft einiger ihrer Akteure.
Aber Moment, war da nicht mal ein goldenes Zeitalter in Spanien, wo Juden, Christen und Muslime mehr oder weniger in Eintracht und Toleranz hauptsächlich neben-, aber zuweilen auch miteinander lebten? Ja, diese Zeit hat es gegeben. Doch regiert haben nicht die christlichen Europäer, sondern die maurischen Muslime.

Meine Begegnung mit einem Holocaustleugner

Trotz reichlicher Überlegung weiß ich immer noch nicht, ob ich für die nicht weit zurückliegende Erfahrung, die mir einen einmaligen Einblick in die Irrationalität des Antisemitismus bot, dankbar sein soll, oder ob meine Empörung über meinen Diskussionspartner nicht eher ins Unermessliche steigen muss.
Der Landtag Mecklenburg-Vorpommerns öffnete am 12.September für interessierte Bürger die Tore des Schweriner Schlosses. Bei angenehmen Spätsommerwetter präsentierten sich die Fraktionen, diverse Organisationen und Initiativen, was von zahlreichen Besuchern wahrgenommen wurde. Über Stunden hinweg herrschte reges Treiben rund um das Schloss und in den Räumlichkeiten des Landtages. Besonders auffällig dabei der Betrieb am Stand der NPD-Fraktion, der jedoch nur dadurch, so sagte man es mir, gewährleistet werden konnte, dass man Mitglieder aus der Gegend anfahren, oder besser gesagt anmarschieren ließ.
Dennoch wird sich wohl kaum abstreiten lassen, dass viele Menschen auch aus echtem Interesse den Stand der Rechtsextremen aufsuchten, und diese bisweilen auch Besuch von echten Gesinnungsgenossen empfangen durften. Weiterlesen »

Thilos rassistischer Irrgarten

Thilo Sarrazin ist ein Rassist! Gibt es daran wirklich irgendeinen Zweifel? Schauen wir uns ein paar Zitate an:

- Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“

- Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.

Moment, wie kann Rassist sein, wer sich über Juden nur überaus positiv zu äußern weiß? Ist dies möglich, wenn uns unsere Erfahrung doch sagt, dass Antisemitismus ein fundamentaler Bestandteil germanischer Rassentheorien ist?
Nu, Rassismus definiert sich allein durch die Tatsache, dass man die sozialen und intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen bzw. einer Gruppe von seiner/ihrer ethnischen Herkunft abhängig macht, unabhängig davon, ob das Urteil positiv ausfällt oder doch eher wenig schmeichelhaft ist.
Ist Thilo Sarrazin also ein Rassist mit positiven Absichten, der Juden endlich die Anerkennung zollt, die sie bei ihrem Anteil an den Nobelpreisträgern schon lange verdient haben. Möglich! Doch unsinnig und faktisch falsch bleiben seine Aussagen trotzdem.
Die sozialen und kulturellen Leistungen und Beiträge einer Gemeinschaft entspringen nicht ihrer genetischen Veranlagung, sondern sind ein Resultat der Wechselbeziehung im Spannungsverhältnis zwischen jener Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft. Im konkreten Falle der europäischen Juden bedeutete dies einerseits, dass sie teilweise Monopolstellungen in bestimmten Wirtschaftsbereichen aufbauen konnte(„der Diamant“ in Antwerpen ist von Juden erschaffen), da ihnen der Zugang zu vielen andere Berufsfelder verschlossen war bzw. nur sie bestimmte Tätigkeiten wahrnehmen konnten(Zins-Geschäft usw), aber auch andererseits eine Fixierung auf geistige Tätigkeiten innerhalb einer in sich geschlossenen Gruppe. Vielleicht erklären auch die Worte von Helene Reich, die sie an ihren Sohn Marcel richtete jenes Phänomen(welches trotzdem eindeutig überbewertet wird):

„Wir sind Juden, Marcel. Du musst der Beste sein!“

Lieber Thilo, nichts da mit dem Juden-Gen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Vermengung der Begriffe „Volk“ und „Rasse“ und der damit verbundenen Kriterien und Folgen äußerst problematisch ist und fast schon eine gute deutsche Tradition zu haben scheint.
Selbstverständlich haben verschiedene Völker unterschiedliche kulturelle Eigenarten. Doch diese werden einem Baby nicht mit in die Wiege gelegt, so wie sie bei der Gemeinschaft insgesamt auch nicht schon immer vorhanden waren, sondern im Zuge historischer Erfahrungen und intellektueller Entwicklungen entstanden sind.
Aufgrund gemeinsamer Erfahrungen etc. gibt es freilich Kulturen, die untereinander mehr Gemeinsamkeiten als mit manch anderen aufweisen und daher besser miteinander harmonieren, jedoch erlaubt dies kein Urteil über die Wertigkeit jener Kulturen.
Darüber, dass sie einen biologischen Ursprung haben könnten, sollte man gar nicht diskutieren. Solch ein Unsinn kann durch nichts gestützt werden.
Dass ausgerechnet eine türkische Soziologin(Necla Kelek) an Sarrazins Seite springt und ihm vom Vorwurf des Rassismus freispricht, hilft da freilich wenig, denn er spricht eben nicht von der Religionsgemeinschaft der Muslime, sondern ganz konkret von Türken und Arabern, deren Kultur nur einen Teil seines Feindbildes darzustellen scheint.
Und ob allein schon der Ton von Sarrazins Äußerungen es überhaupt ermöglicht, dass seine Positionen einen wichtigen Teil zu einer Integrationsdebatte darstellen könnten, ist auch mehr als fraglich.

Nach Auschwitz: Was es bedeutet, Jude zu sein

„Nun wissen die Kinder, was es bedeutet, Jude zu sein“, sagte mein Rabbiner, als wir gemeinsam an den Gleisen von Auschwitz-Birkenau vorbeigingen, nachdem wir soeben mit dem Kaddisch und dem Entzünden von Seelenlichtern all der Toten gedachten, die an jenem Ort ihr Martyrium antraten, und deren Leiden eine neue Vorstellung von Moral und Menschlichkeit erzwangen, der Welt aber vor allem zeigten, wie sehr es dem Menschen doch an einem aufrichtigen Herzen mangelt.
Auschwitz, so brachte man es mir bei, sei ein Ort, dessen Wirkung sich mit Worten kaum beschreiben lässt, und der einem schlicht ein Gefühl der Ohnmacht vermittelt. Mag man sich noch so laut über die scheinbar leblose, durch Reden und Schweigeminuten geprägte, deutsche Gedenkroutine und -kultur beklagen, muss man spätestens dann, wenn man an dem Ort, der das Gedenken wie auch das Umdenken erzwingt, war, mit Ernüchterung und schmerzender Ohnmacht feststellen, dass es keine Alternative zum Stehen, Schweigen und Mahnen geben kann. Weiterlesen »

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